Die individuelle Ausdruckskraft zählt

Glarner Nachrichten, SAMSTAG, 16. JANUAR 1999, VON CLAUDIA KOCK MARTI

Im Februar wird Dr. med. Anne-Marie Schindler Chopping neben Rudolf Aschmann und Niklaus Meyer den Glarner Kulturpreis 1999 erhalten. Wer steckt hinter diesem Namen, der hier bei den Kulturschaffenden in der Verbindung Anne-Marie-Schindler-Stiftung wohl bekannt ist, aber als Person nur wenigen etwas sagt. Eine Annäherung.

Treffpunkt zwischen ihrem Wohnort Buchillon am Genfersee und Glarus ist der Hauptbahnhof in Bern, und wie verabredet wartet eine agil wirkende Frau mit leicht graumelierten, kurzen Haaren unter dem blauen Meeting-Point-Zeichen im Bahnhofuntergeschoss der Hauptstadt. Das muss sie sein. Wie abgemacht, schwinge ich deshalb die «Südostschweiz». Ja, sie ist es. Anne-Marie Schindler Chopping.

«Weiter als bis Bern reise ich derzeit wegen meiner beiden Hunde nicht», erklärt sie zur Begrüssung halb entschuldigend. In einem Café beim Bahnhof beginnt unsere Annäherung mit Fragen zu ihrer Person, zur Gründung und Geschichte ihrer kulturellen Stiftung und zu ihrer Beziehung zum Glarnerland. Das Gespräch verläuft in Kreisbewegungen. Denn alles hängt irgendwie mit allem zusammen.

Vom Kulturpreis überrascht

Die Verleihung des Glarner Kulturpreises habe sie überrascht. Offengestanden sei er ihr sogar etwas peinlich, sagt Anne-Marie Schindler. Die Stiftung sei doch dazu da, Geld den Kulturschaffenden für ihre Projekte an die Hand zu geben. Und der Kulturpreis an sie sei doch der verkehrte Weg herum. Als Wertschätzung könne sie ihn aber wohl annehmen, gibt sie zu. Der Preis mache vielleicht auch in positivem Sinn Reklame für die Stiftung. Denn dass sie mit den darin zur Verfügung gestellten Geldern junge Kunstschaffende erreichen und fördern kann, ist ihr wichtig. Im Unterschied zu Akademikern hätten Kulturschaffende weniger Quellen oder Möglichkeiten für Stipendien, meint Schindler. Vielleicht liegt ihr auch die Förderung junger Künstlerinnen und Künstler heute am Herzen, weil sie selbst aus ihrem liebsten Hobby, dem Tanz, in jungen Jahren keinen Beruf machte.

Sie lacht herzhaft, als sie erklärt, dass sie zu Beginn eigentlich nur das Ausdrucksmittel Tanz habe fördern wollen. Als sie dann bei Professor Peter Jenny am Hönggerberg zu einem Gespräch weilte, habe dieser ihr die Augen geöffnet, indem er sie zum Fenster mit Blick auf Zürichs Vorstadt Schlieren führte. «Sehen Sie, da leben 35 000 Einwohner. Das entspricht etwa der Bevölkerungszahl im Kanton Glarus.» Da dies wohl zu klein für die Gründung einer Stiftung für Tänzer und Tänzerinnen sei, habe sie nun ganz allgemein die Förderung von Kulturschaffenden als Zweck ihrer Stiftung erhoben. Erste Priorität haben darin aber Glarner und Glarnerinnen oder solche mit irgendeinem Bezug zu Glarus und zweite Priorität dann Kulturschaffende aus anderen nicht universitären Kantonen. Bewusst habe sie mit dieser Einschränkung die Hochschulzentren auslassen wollen, um die sich wissenschaftliche und andere Stiftungen bereits in grosser Zahl scharen.

Sehen Sie, da leben 35'000 Einwohner. Das entspricht etwa der Bevölkerungszahl im Kanton Glarus.

Prof. Peter Jenny

Namen, wen ihre Stiftung bis jetzt unterstützt habe, will sie auf Anfrage zunächst keine nennen, tut es dann aber doch. Mit dem Musiker Markus Hauser sei die Stiftung gestartet. Es folgten Literaten, weitere Musiker, sogar drei Tänzerinnen. Zurzeit bekomme Fridolin Jakober einen Beitrag zu einem Auslandsaufenthalt, weiss ich zu ergänzen. «Ja, der Geschichtenerzähler soll sein Buch nur schreiben», fügt Schindler hinzu.

Ja, der Geschichtenerzähler soll sein Buch nur schreiben

Anne-Marie Schindler, Stifterin, St. Prex

Auswahlkriterien für die Stipendiaten könne sie keine aus dem Katalog auflisten. «Ein Künstler oder eine Künstlerin muss bei mir eine Saite anschlagen können. Was zählt, ist die individuelle Ausdruckskraft eines Kunstschaffenden.» Sie selbst bringe ihre Sensibilität und Lebenserfahrung zur Beurteilung mit ein. Nein, sie sei keine Kunstexpertin oder -sammlerin, fügt sie wohl eher unterstatementmässig hinzu und weist dann auf die komplementäre Zusammenarbeit mit Prof. Peter Jenny hin. Er habe sie auch davon überzeugt, dass man, wenn man eine Stiftung schaffen wolle, dies zu Lebzeiten tun müsse, um der Sache so noch etwas von seinem eigenen Stempel aufdrücken zu können.

Ein Künstler oder eine Künstlerin muss bei mir eine Saite anschlagen können. Was zählt, ist die individuelle Ausdruckskraft eines Kunstschaffenden.

Anne-Marie Schindler, Stifterin, St. Prex

Von der Medizin über Tanz zur Psychotherapie

Seit Jahren lebt Anne-Marie Schindler am Genfersee. Aufgewachsen sei sie in gut bürgerlichen Kreisen in Zürich, wo studieren einfach dazugehört habe, erzählt sie weiter. Sie habe Medizin studiert und ein Leben lang geschuftet, bis sie ihre Erfüllung als Psychotherapeutin gefunden habe.

Zuerst studierte sie in Genf und ging, wie das früher üblich war, für ein halbes Jahr nach Paris, wo sie auch den klassischen Tanz entdeckte, der sie zunächst sehr faszinierte. Heute fühle sie sich mehr von neueren Ausdrucksformen im Tanz angesprochen.

Sechs Jahre in Amerika, in denen sie ihre Ausbildung zur Pathologin absolvierte, waren eine weitere wichtige Station in ihrem Leben. So lebte sie zuerst in Montreal, später ein Jahr in der Nähe von Stanford und dann vier Jahre in Boston. Von dort ging es zurück nach Genf, wo sie ihre Habilitationsschrift über Schilddrüsentumoren schrieb, und später nach Lausanne.

Mit 50 Jahren habe es dann eine rechte Zäsur mit ihrer Heirat und dem Berufswechsel gegeben. So bildete sie sich am Fritz Perls Institut in Deutschland aus und arbeitet seit nun zehn Jahren als Psychotherapeutin in Integrativer Therapie mit Schwerpunkt Bewegung und Tanz.

Die Gründung der Stiftung bedeute ein Zurückkommen ins Glarnerland, erklärt Anne-Marie Schindler, die eine Ururenkelin von Dietrich Schindler, dem aus Mollis stammenden Landammann des Glarnerlandes von 1837–1840, ist. Die Schindlers seien damals aus politischen Gründen von Mollis nach Zürich weggegangen, deutet Schindler an. Die Geschichte müsse ich aber selbst nachlesen.

Anne-Marie Schindler kennt persönlich nur wenige Personen im Kanton Glarus. Neben Peter Jenny erinnert sie sich an «Tante Betty», die ein wandelndes Historienbuch gewesen sei. Zu Betty Streiff habe ihr Vater im Alter von 70 Jahren noch eine tiefe Freundschaft entwickelt. Zweimal habe sie Ferien im Glarnerland gemacht und dabei auch Betty Streiff besucht. Aber auch über ihre Nichte Annette Schindler, von der sie liebevoll und in höchster Wertschätzung spricht, hat sie neben der gesamtschweizerischen Kunstszene die Entwicklung im Kunsthaus Glarus in den vergangenen Jahren mit besonderem Interesse verfolgt.

Was ihre eigene Stiftung zur Kulturförderung betrifft, darf man gespannt sein, wie sich die Anne-Marie-Schindler Stiftung weiter profilieren wird.

Zur Stiftung

ckm.- Die Schindler-Stiftung, die 1991 gegründet wurde, fördert Kulturschaffende, indem sie ihnen Beiträge an ein bestimmtes Projekt, Unterstützung für die Lebenshaltungskosten bei einem Auslandaufenthalt oder Beiträge im Sinne eines Werkjahr-Stipendiums zahlt. In den vergangenen Jahren wurden auf diese Weise bereits über 50 Glarner Kulturschaffende aus den Bereichen Musik, Malerei, Plastik, Literatur und Tanz mit Beiträgen zwischen 5000 bis 20 000 Franken gefördert. Am 19. Februar wird Anne- Marie Schindler für ihre Bemühungen zur Förderung glarnerischen Kulturschaffens mit dem Glarner Kulturpreis 1999 geehrt.

Dietrich Schindler (1795–1882)

ckm.- Dietrich Schindler (1795– 1882) wird als Vorkämpfer der neuen, liberalen Verfassung (1836) des Kantons und als Staatsmann zu den grossen Glarnern gezählt. Die politische Karriere des juristisch geschulten Sohnes des Textilfabrikanten Samuel Schindler (Textilunternehmen Jenny & Schindler) begann 1821 im Alter von 26 Jahren als Ratsherr von Mollis. Sie endete 1840 mit dem freiwilligen Rücktritt vom Landammannamt (1837–1840) und dem Rückzug aus der Politik sowie Wegzug nach Zürich im Jahr 1842, wo er noch 40 Jahre lebte.

Der liberale Schindler, kein Radikaler und Revolutionär, scheiterte nach Meinung des Biografen Fritz Stucki in einer politisch spannungsgeladenen Zeit wohl an seiner ausgleichenden Art, mit der er die Aussöhnung zwischen den verharrenden Katholiken und den liberalen Kräften suchte, sich aber mit seiner Nachgiebigkeit zugleich bei den Radikalen seiner Seite unbeliebt machte.

Die wirtschaftlich erfolgreiche Familie Schindler gehörte in Zürich bald zu den angesehensten. Dietrich Schindler unterhielt auch nach seinem Exodus rege Beziehungen zum Glarnerland, das er verschiedentlich mit Schenkungen bedachte. Beerdigt wurde er wunschgemäss in Mollis.

Die von seiner Ururenkelin Anne-Marie Schindler Chopping gegründete Stiftung bedeute, so Dr. med. Anne-Marie Schindler im Gespräch, auch eine Art Rückkehr ins Glarnerland.

Literatur: Fritz Stucki zu Dietrich Schindler (1795– 1882) in «Grosse Glarner», Seite 129–140, sowie Hans Rudolf Stauffachers biographische Skizze im Heft 74, Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus, 1993, Seiten 11–39.